Dort sieht er die künftige Wachstumsquelle Europas. Aus dieser wirtschaftlichen Analyse leitet er eine klare Haltung zur europäischen Verteidigung ab.
Die Erste Bank: Treichl führte Europas größte Finanzinstitution zwischen Russland und Deutschland
Treichl bezeichnet die Erste Bank als die größte Finanzinstitution zwischen Russland und Deutschland. Das Institut wurde bereits 1819 gegründet, also fast zwei Jahrhunderte bevor Treichl an seine Spitze trat.
Nach eigener Darstellung ist die Erste Stiftung die größte private philanthropische Organisation in Zentraleuropa. Damit verbindet Treichl zwei Rollen: die des früheren Bankiers und die des heutigen Stiftungschefs, der wirtschaftliche Reichweite mit gesellschaftlichem Engagement verknüpft.
Der Weg vom US-Banker zur Stiftungsspitze
Seine frühen beruflichen Stationen im amerikanischen Bankenwesen legten den Grundstein für seine Karriere. Diese Erfahrung prägt bis heute seinen Blick auf die politische Entwicklung in den Vereinigten Staaten.
Das aktuelle US-Wahlergebnis wertet er als Moment, in dem sich die Gesellschaft gegen Spaltung entschieden hat. In den demokratischen Umbrüchen in Serbien, Ungarn und den USA erkennt Treichl ein gemeinsames Thema: Widerstand gegen extreme Korruption unter autokratischen Systemen. Österreichs Parteien attestiert er dagegen zu wenig Erneuerungskraft, eine eigene Partei will er trotz dieser Kritik aber nicht gründen.
Die prägende These: Mitteleuropa als Europas nächste Wachstumsquelle
Für Treichl besteht seine Region aus rund 100 Millionen Menschen in Ländern wie Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Diese Staaten hätten gegenüber Westeuropa 40 Jahre Entwicklung aufzuholen, was er gerade als Chance liest und nicht als Nachteil.
Seine Beobachtung: Länder mit einem ausgebildeten Kapitalmarkt weisen bessere wirtschaftliche Verhältnisse auf. Zwischen breitem Volksvermögen und der Tiefe der Demokratie sieht Treichl eine starke Korrelation. Wirtschaftliche Teilhabe ist für ihn damit kein Selbstzweck, sondern die Grundlage stabiler Gesellschaften, auf der sich sein Blick auf die gesamte Region aufbaut.
Das Mindset: Wirtschaftliche Stärke als Voraussetzung für Verteidigungsfähigkeit
Aus dieser ökonomischen Logik entwickelt Treichl seine Forderung nach einer gemeinsamen europäischen Verteidigung ohne US-amerikanische Unterstützung. Er warnt, dass eine solche Grenzverteidigung teuer wird und Ressourcen bindet, die sonst in Sozial-, Bildungs- und Gesundheitssysteme fließen würden.
Österreich und die Schweiz dürfen sich seiner Ansicht nach nicht als Orte der Sicherheit betrachten, ohne an der europäischen Verteidigung mitzuwirken. Ohne eine gemeinsame Verteidigungsfähigkeit könne kein starkes, geeintes Europa entstehen, betont er. Zwei Fragen bleiben für ihn offen: ob Europa technologisch unabhängig von den USA werden kann und ob eine eigenständige europäische Verteidigungsindustrie entsteht.
Was als Nächstes zählt: Die Ukraine als Testfall
Treichl befürwortet Rettungsversuche für die Ukraine und warnt zugleich: Scheitern diese, werde Russland dadurch erheblich stärker. Die beiden offenen Fragen zur technologischen und industriellen Eigenständigkeit bleiben damit der Maßstab, an dem sich Europas Verteidigungsfähigkeit aus seiner Sicht in den kommenden Jahren messen lassen muss.