Für die CEO des World Energy Council ist der Begriff Energiewende längst zu einem der meistmissverstandenen Ausdrücke der Energiepolitik geworden. Je nach Region bedeutet er Verzicht, Klimaschutz oder schlicht ein Tabuwort.
Das World Energy Council wurde vor rund hundert Jahren nach dem Ersten Weltkrieg gegründet und arbeitet seither an einer gemeinsamen Sprache für Energiefragen. Die Organisation stützt sich dabei auf einen Ansatz namens World Energy Trilemma, der Versorgungssicherheit, Leistbarkeit und Nachhaltigkeit gleichzeitig betrachtet.
Wofür steht Angela Wilkinson?
Wilkinson tritt dafür ein, die Debatte um die Energiewende von einem Verzichtsnarrativ zu lösen und durch eine gemeinsame, positive Vision zu ersetzen. Nach ihrer Beobachtung verstehen Europäer darunter den Verzicht auf fossile Brennstoffe, während Golfstaaten damit vor allem die Eliminierung von Treibhausgasemissionen meinen. In den USA werde der Begriff derzeit sogar gemieden und stattdessen von Energieüberfluss gesprochen.
Diese sprachliche Zersplitterung ist für sie der Kern des Problems: Ohne ein gemeinsames Verständnis lässt sich eine globale Strategie kaum koordinieren.
Wie kam es zu ihrer Haltung?
Grundlage ihrer Position ist die tägliche Arbeit des World Energy Council, das laut Wilkinson drei Hauptaktivitäten verfolgt: die Erstellung von Berichten, die Organisation von Veranstaltungen und den Aufbau von Communitys. Über diese Kanäle sammelt die Organisation Einschätzungen aus mehr als hundert Ländern und bringt sie in direkten Vergleich.
Höhepunkt dieser Arbeit ist der World Energy Congress, der vom 26. bis 29. April 2027 in Riad stattfindet. Zu der Veranstaltung werden mehr als hundert Ministerinnen und Minister, über 5.000 Unternehmenschefs sowie etwa 18.000 Gäste erwartet, und genau dort will Wilkinson die verschiedenen Sichtweisen auf die Energiewende miteinander ins Gespräch bringen.
Was treibt sie im Alltag an?
Mehrere Positionen ziehen sich durch Wilkinsons Argumentation:
- Sie geht davon aus, dass selbst bei einer Elektrifizierung von 50 bis 60 % bis 2050 weiterhin 40 % des Energiebedarfs anders gedeckt werden müssen.
- Für diesen Rest setzt sie auf saubere Moleküle aus CO2-Abscheidung, dekarbonisierten Brennstoffen oder wasserstoffbasierten Treibstoffen.
- Flüssige und gasförmige Brennstoffe seien Elektronen und Batterien bei Transportfähigkeit, Energiedichte, saisonaler Speicherung und Flexibilität überlegen.
- Als zentrale Maßnahmen empfiehlt sie „Energy Literacy“ und „Energy Fluency“ – also ein grundlegend besseres Verständnis und eine höhere Sprachfähigkeit in Bezug auf Energiefragen in Gesellschaft und Politik.
Abseits der großen Bühnen bleibt Wilkinson zugänglich: Ihre Tochter arbeitet in der Modeindustrie, ein Hinweis darauf, dass ihr Berufsleben zwischen globaler Energiepolitik und ganz gewöhnlichem Familienalltag verläuft.
Was kommt als Nächstes?
Der nächste große Testlauf für Wilkinsons Haltung ist der World Energy Congress 2027 in Riad. Dort soll sich zeigen, ob sich aus den unterschiedlichen regionalen Deutungen der Energiewende tatsächlich eine gemeinsame Linie formen lässt, wie sie es seit Jahren fordert.