Am 9. Oktober wird Christian Wehrschütz 65 Jahre alt. Für den Korrespondenten ist das zugleich der Beginn des Abschieds: Ende Oktober gibt er sein Ukraine-Büro ab, mit Jahresende tritt er in Pension. Mehr als 25 Jahre lang berichtete er vom Balkan, über zehn Jahre zusätzlich aus der Ukraine – aus einem Berufsverständnis heraus, das er selbst nicht als Kriegsreporter, sondern als Korrespondent beschreibt.
Eine Haltung aus Jahrzehnten
Wehrschütz berichtet nicht nur über Front und Politik, sondern ebenso über kulturelle Themen wie die Oper in Odessa. Diese Breite erklärt, warum er sich selbst nicht als Kriegsreporter versteht: Er sieht seine Aufgabe darin, ein Land in seiner Gesamtheit zu zeigen, nicht nur den Konflikt.
Den Krieg in der Ukraine beschreibt er als Abnützungskrieg ohne erkennbare militärische Lösung auf dem Schlachtfeld. Die zentrale Frage für die Zukunft des Landes sieht er darin, wer den Wiederaufbau übernehmen wird, da mit anhaltendem Konflikt immer weniger Menschen zurückkehren.
Der Weg zum Balkan-Korrespondenten
Wehrschütz wurde 1961 geboren und studierte Jus und Slawistik in Graz. Seine journalistischen Anfänge liegen bei der später als rechtsextrem eingestuften Zeitschrift Aula, von 1987 bis 1990 war er Chefredakteur der Neuen Freien Zeitung der FPÖ. 2002 legte er seine Parteimitgliedschaft zurück.
2011 trat er erfolglos als Gegenkandidat zu Alexander Wrabetz bei der Wahl des Generaldirektors an, 2019 erhielt er wegen antiukrainischer Propaganda ein Einreiseverbot, das jedoch bald wieder aufgehoben wurde.
Die Entscheidung in Gefahr
Mehrfach geriet Wehrschütz in unmittelbare Lebensgefahr. 2001 griff während des Mazedonien-Konflikts ein Bewaffneter in seiner Nähe zur Waffe und wurde von Polizisten erschossen. 2022 wurde das Hotel, in dem er in Nikopol übernachtete, beschossen, Dach und mehrere Zimmer wurden beschädigt. Im November 2025 entging er nur knapp einem Drohnenangriff auf das Fahrzeug seines Teams. Trotz dieser Erfahrungen hielt er an seiner Arbeit vor Ort fest.
Rationalität statt Angst
Auf die Frage, wie er mit solchen Situationen umgeht, hält Wehrschütz Angst für eine ungeeignete Reaktion auf Bedrohungen, weil in solchen Momenten rationales Handeln notwendig sei.
Diese Nüchternheit prägt auch seine Einschätzung zur Lage in der Ukraine: Während in Abu Dhabi Friedensverhandlungen laufen, hält er es für möglich, dass der Konflikt ohne Einigung noch etwa ein weiteres Jahr andauert. Mit jedem weiteren Kriegsjahr, so seine Einschätzung, steigen Opferzahlen, Zerstörung und die finanzielle Last für Europa.
Was als Nächstes kommt
Im Februar 2026 präsentierte Wehrschütz sein Buch „Frontlinien“ vor vollem Haus in einer Stadtbücherei; es behandelt politische Entwicklungen vom Balkan, insbesondere von Albanien, bis zur Ukraine.
Albanien bezeichnet er als das für ihn interessanteste und zugleich am wenigsten bekannte Balkanland, das ihm die größte berufliche Herausforderung geboten habe. Nach seinem Ausscheiden als aktiver Korrespondent will Wehrschütz in die Steiermark zurückkehren, die er als sein Lieblingsland und seine Heimat bezeichnet.
Bild: Symbolbild, KI-erzeugt.