Friedrich Wilhelm Raiffeisen gilt als Begründer der ländlichen Genossenschaft in Deutschland. 1847 rief er in Weyerbusch einen Hilfsverein für die notleidende Landbevölkerung ins Leben. Seine Idee lebt heute in knapp 8.000 deutschen Genossenschaften weiter.
- 1847: Hilfsverein in Weyerbusch als erster Schritt
- 1862: Darlehnskasse Anhausen als erste Genossenschaft im Raiffeisen’schen Sinne
- Heute: knapp 8.000 Genossenschaften in Deutschland, darunter die DATEV eG
- Weltweit: rund 1 Milliarde Mitglieder in Genossenschaften organisiert
Diese Rechtsform bildet eine freiwillige Vereinigung von Individuen oder Betrieben zur Verfolgung kollektiver ökonomischer, gesellschaftlicher oder gesellschaftspolitischer Bestrebungen. Sämtliche Teilhaber besitzen identische Mitspracherechte sowie Verantwortlichkeiten ohne Rücksicht auf Finanzanteile und geraten finanziell maximal in Höhe ihrer Einlage in Pflicht.
Wofür Raiffeisens Genossenschaftsidee bis heute steht
Raiffeisens Grundgedanke war die Selbsthilfe: Mitglieder konzentrieren sich auf ihre Kernkompetenzen, während die Genossenschaft administrative und logistische Aufgaben übernimmt. Dieses Prinzip trägt bis heute Unternehmen wie die DATEV eG, nach eigenen Angaben drittgrößter Business-Software-Anbieter Deutschlands und als Genossenschaft organisiert.
Auch der Fußballverein FC St. Pauli nutzt die Rechtsform: Über eine eigene Genossenschaft können Mitglieder mit Geschäftsanteilen Miteigentümer des Stadions werden.
Welcher Weg führte zur ersten Genossenschaft?
Nach dem Hilfsverein von 1847 gründete Raiffeisen 1854 den Heddesdorfer Wohlthätigkeitsverein. 1862 entstand in Anhausen im Westerwald die Darlehnskasse, die als erste Genossenschaft im Raiffeisen’schen Sinne gilt.
Parallel dazu verfolgte Hermann Schulze-Delitzsch einen ähnlichen Weg: 1849 gründete er die Rohstoffassoziation für Tischler und Schuhmacher in Delitzsch, 1850 folgte der gemeinnützige Vorschussverein.
Die Angaben zum eigentlichen Gründungsjahr unterscheiden sich: Laut Presseportal rief Raiffeisen demnach 1864 eine Genossenschaft ins Leben, während als erste Genossenschaft im Raiffeisen’schen Sinne die Darlehnskasse von 1862 in Anhausen gilt.
Die Entscheidung, die sein Wirken prägte
Raiffeisens zentrale Entscheidung war, Hilfe nicht als Spende, sondern als gemeinschaftliche Selbstorganisation zu gestalten. Jedes Mitglied sollte unabhängig vom eingebrachten Kapital gleiches Stimmrecht haben – ein demokratisches Grundprinzip, das die Genossenschaft bis heute von Kapitalgesellschaften unterscheidet.
Gleichzeitig blieb das Risiko für Einzelne überschaubar: Mitglieder haften nur mit ihrem Geschäftsanteil, nicht mit ihrem Privatvermögen.
Was sein Mindset im Alltag der Genossenschaften ausmacht
Eine Genossenschaft wird von einem Prüfungsverband beaufsichtigt, der jährlich oder alle zwei Jahre die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben prüft. Das bedeutet strikte gesetzliche Vorschriften, aber auch verlässliche Kontrolle.
Das demokratische Mitspracherecht kann die Agilität bei Beschlüssen mitunter bremsen. Genossenschaften können deshalb investierende Mitglieder aufnehmen, die von der Mitbestimmung ausgeschlossen werden – ein pragmatischer Kompromiss zwischen Beteiligung und Handlungsfähigkeit.
Wie lebt die Genossenschaft heute weiter?
In Deutschland existieren knapp 8.000 Genossenschaften, 2004 waren es noch 5.470, 2015 rund 7.600 mit etwa 20 Millionen Mitgliedern. Nach Angaben des Genoverband e.V. ist in Deutschland jeder vierte Einwohner Mitglied einer Genossenschaft, weltweit sind es rund 700 Millionen Menschen.
Die Genossenschaftsidee wurde von der UNESCO-Kommission in die Internationale Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Dennoch lag Deutschland 2022 im EU-Vergleich bei der Dichte an Genossenschaften je Einwohner fast am Ende der Rangliste, vor Rumänien – während Norwegen mit etwa einer Genossenschaft je 1.000 Einwohner die höchste Dichte im Europäischen Wirtschaftsraum aufwies.
Bild: Symbolbild, KI-erzeugt.