Jahrzehnte im Leistungstennis, Stationen in Florida und Südafrika, dann ein Sport, den 2017 im Berchtesgadener Land kaum jemand kannte: Ingrid Richter hat in Freilassing eine Padelanlage aufgebaut, ohne über eigenes Kapital zu verfügen. Heute finanziert jede gebuchte Stunde auf dieser Anlage Ausbildungsprojekte für Jugendliche in Kapstadt mit. Im Gespräch schildert sie, wie aus einer sportlichen Neugier ein gemeinnütziges Modell wurde und welche Denkweise sie durch die schwierigen Anfangsjahre getragen hat.
Gewinner.de: Frau Richter, Sie haben als staatlich geprüfte Tennislehrerin und A-Trainerin Spitzenspielerinnen betreut. Warum kam danach ausgerechnet Padel?
Ingrid Richter: Weil mich der Sport, den ich jahrzehntelang unterrichtet habe, irgendwann nicht mehr gereizt hat. Als das Angriffstennis verschwand und alles nur noch auf Grundlinie und schnellen Erfolg ausgelegt war, konnte ich mich damit nicht mehr identifizieren – und wenn ich mich mit einer Sache nicht wohlfühle, höre ich auf. Das gilt bei mir generell. Zurück aus Südafrika kam über meinen damaligen Schwager, einen Argentinier mit Tennisakademie in München, die Frage auf, ob jemand Padel in Deutschland einführen wolle. Er hatte keine Zeit, mich hat es interessiert. Padel wird im Doppel gespielt, ist schnell und wird am Netz entschieden. Genau das, was ich im Tennis immer gelebt habe. Heute steht dieser Gedanke hinter dem Sharety Padel Tennis Vereinsnetzwerk.
Gewinner.de: 2017 gab es in der Region praktisch keine Plätze. Wie geht man mit so viel Skepsis um?
Ingrid Richter: Man muss es aushalten. Ich hatte in Starnberg eine der ersten Padel-Trainerausbildungen in Deutschland absolviert, kam zurück nach Freilassing und suchte Flächen und lief ins Leere. Niemand kannte den Sport, niemand konnte sich vorstellen, wer das spielen soll. In München gab es einen Platz, dazu Taufkirchen, Starnberg, Geretsried. In Salzburg gab es Padel damals überhaupt nicht, der nächste Platz stand in Wien oder Graz. Rückblickend war das die entscheidende Phase: Wer in so einer Situation auf Zustimmung wartet, wartet ewig. Ich habe stattdessen weitergesucht und mein Ziel bewusst im Blick behalten.
Gewinner.de: Sie hatten kein Budget für eine eigene Anlage. Wie ist sie trotzdem entstanden?
Ingrid Richter: Stück für Stück, wie ein Puzzle. Ich habe mir einen Investor gesucht, den Verein gegründet und die fehlenden Teile über Werbepartner, Unterstützer und Kooperationen zusammengetragen. Die Padelanlage in Freilassing ist ohne eigene Mitgliederbasis und mit sehr kleinem Budget entstanden und wird heute als gemeinnütziger Verein geführt. Was dabei zählt, sind nicht große Reserven, sondern Menschen, die schnell denken und sich etwas vorstellen können. Mit Leuten, die monatelang nur überlegen, was alles schiefgehen könnte, kommt so ein Projekt nicht voran. Geduld ist für mich die Lektion, die ich in diesen Jahren gelernt habe. Sie entspricht meiner Mentalität nämlich überhaupt nicht.
Gewinner.de: Aus der Anlage ist ein Charity-Modell geworden. Wie funktioniert das konkret?
Ingrid Richter: Jede Person, die bei uns eine Stunde bucht, ist automatisch Fördermitglied. Das war der Ausgangsgedanke: einen Sport anbieten, der Spaß macht, und über ihn dauerhaft Mittel für Projekte akquirieren, statt jedes Jahr aufs Neue um Sponsoring zu bitten. Klassisches Sponsoring wird im Breitensport immer schwieriger, das spüren alle Vereine. Unser Modell koppelt den Beitrag direkt an das, was ohnehin passiert, an das Spielen. Gefördert werden Vorhaben in der Region und in Kapstadt. Dort unterstützen wir motivierte Jugendliche aus den Townships, die eine Berufsausbildung im Sport oder, wie beim Kochprojekt Cooktastic, in Küche, Bäckerei und Hotellerie anstreben. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt dort bei über 75 Prozent.
Gewinner.de: Warum Kapstadt und nicht ausschließlich Projekte vor der eigenen Haustür?
Ingrid Richter: Meine letzten Tennisaktivitäten vor der Padelzeit lagen an Township-Schulen in Südafrika, dieser Bezug ist geblieben. Hier im Berchtesgadener Land sind Schule und Ausbildung kostenlos und für jeden möglich, dort ist das keine Selbstverständlichkeit. Genau deshalb liegt mein Herzensprojekt in Kapstadt, weil dort mit vergleichsweise wenig Mitteln sehr viel bewegt werden kann. Im Rotary Club Salzburg International bin ich seit vier Jahren für dieses Projekt zuständig. Wer Leidenschaft für eine Sache entwickelt, bekommt Unterstützung ob als künftiger Padeltrainer oder als Koch. Padel ist dabei das Mittel, nicht der Zweck.
Gewinner.de: Was raten Sie Menschen, die mit einer Idee gegen viel Gegenwind ankämpfen?
Ingrid Richter: Folgen Sie dem, was Sie wirklich antreibt. Und wenn der Gegenwind stärker wird: das Ziel in der Ferne suchen, es weiter fokussieren und sich Menschen holen, die dem eigenen Gedanken folgen können. Kreativität gehört dazu, der Umgang mit Menschen und ein Team, das am selben Strang zieht. Die eigene Vision gibt man nicht auf, auch wenn das Tempo der anderen frustrierend ist. Aktuell plane ich drei weitere Hallenanlagen im Raum Oberbayern, damit ganzjährig trainiert und geplant werden kann. Dazu suche ich Partnervereine in Kapstadt und in der Region Western Cape.
Gewinner.de: Vielen Dank für das offene Gespräch, Frau Richter.
Wer Padel Tennis in Freilassing ausprobieren, Firmenturniere ausrichten oder die Charity-Projekte des Vereins unterstützen möchte, findet Termine und Buchungsmöglichkeiten unter www.sharety-padel.org.
Impressum:
Sharety Padel Tennis Vereinsnetzwerk e.V
Ingrid Richter
83395 Freilassing
Tel.: (0160) 6617379
E-Mail: ingrid@sharety-padel.org
Website: www.sharety-padel.org