Mit 192 angekündigten Übernahmen erlebte die Aerospace- und Defence-Branche im ersten Halbjahr 2026 einen Rekord. Das sind 40 % mehr Transaktionen als im Vorjahreszeitraum. Hinter der Zahl steckt keine einzelne Führungspersönlichkeit, sondern eine ganze Branche, die sich gerade neu sortiert: Investoren, Konzernlenker und Verteidigungsministerien treiben den Wandel gemeinsam voran, ohne dass ein einzelner Name dafür steht.
Auffällig ist, wohin das Geld fließt. Von den 192 Transaktionen betrafen 166 Zulieferunternehmen und nur 26 die großen Hersteller selbst, die sogenannten Original Equipment Manufacturers. Diese Verschiebung zeigt sich auch in der Bewertung: Zulieferer werden inzwischen mit dem 22,9-Fachen ihres EBITDA gehandelt, gegenüber 18,6 im Vorjahr. Die Bewertung der großen Hersteller sank dagegen von 16,6 auf 15,4 des EBITDA.
Woher der Boom kommt
Zwei Entwicklungen laufen parallel. Erstens bestellen Airlines wieder in großem Stil: Allein bei Airbus, Boeing, Embraer und ATR kamen im ersten Halbjahr 2026 mehr als 1.200 neue Flugzeugaufträge hinzu, ein Plus von über 13 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Der Auftragsbestand der vier Hersteller liegt inzwischen bei mehr als 16.500 Flugzeugen. Bei diesem Tempo bräuchten die Hersteller nach heutigem Fertigungsstand rechnerisch über ein Jahrzehnt, um alle offenen Bestellungen abzuarbeiten.
Airbus, Boeing und Embraer haben ihre gemeinsame Produktion bereits um 15 % gesteigert, kommen der Nachfrage damit aber kaum hinterher. Genau diese Lücke zwischen Bestellungen und Fertigungskapazität erklärt, warum Investoren verstärkt in Zulieferbetriebe investieren: Wer Engpässe in der Lieferkette auflöst, verspricht schnellere Rendite als ein kompletter Flugzeugbauer.
Die zweite Antriebskraft heißt Verteidigung
Parallel zur zivilen Luftfahrt zieht der Rüstungssektor an. Im Verteidigungsbereich stieg die Zahl angekündigter Übernahmen um 65 % auf 127 Transaktionen. Hintergrund sind steigende Staatsausgaben: Die EU-Mitgliedstaaten geben 2026 zusammen mehr als 450 Milliarden Euro für Verteidigung aus, für 2027 wird ein Anstieg auf 500 Milliarden Euro erwartet. Deutschland allein stellt 35 Milliarden Euro für Raumfahrtaktivitäten zur Verfügung.
Auch hier gilt das Muster der zivilen Luftfahrt: Investoren bewerten Verteidigungszulieferer inzwischen mit dem 23,2-Fachen des EBITDA, nach 19,8 im Vorjahr. In der zivilen Luftfahrt wurden im selben Zeitraum 121 Übernahmen angekündigt, ein Plus von 48 % – davon betrafen 110 ebenfalls Zulieferunternehmen.
Die Botschaft an den Kapitalmarkt ist eindeutig: Wer Teile, Triebwerke oder Spezialtechnik liefert, gilt derzeit als attraktiver als der Name auf der Flugzeugnase.
Was das für Investoren und Branche bedeutet
- Zulieferer werden deutlich höher bewertet als noch vor einem Jahr und rücken damit ins Zentrum von Übernahmeinteresse.
- Der Auftragsbestand der großen Flugzeughersteller reicht rechnerisch für mehr als ein Jahrzehnt Produktion.
- Steigende Verteidigungsbudgets in der EU verstärken den Trend zusätzlich bis mindestens 2027.
- Die Konzentration auf Zulieferer statt auf Endhersteller gilt als strukturelle, nicht als kurzfristige Verschiebung.