Organisationen scheitern heute selten an fehlenden Talenten. Sie scheitern häufiger an unklarer Entscheidungsmacht, verteilter Verantwortung und Führungsstrukturen, die operativ funktionieren, aber kein nachhaltiges Wachstum tragen. Im Interview mit Gewinner.de erklärt Melanie Gypser, die ab Juli 2026 unter dem Namen Melanie Puffer auftritt, warum Führung längst nicht mehr Ausgangspunkt, sondern Spiegel der gesamten Organisation ist – und weshalb das klassische Führungsmodell zunehmend an seine Grenzen stößt.
Gewinner.de: Frau Gypser, viele Unternehmen sprechen von Leadership-Kultur. Reicht das heute noch aus?
Melanie Gypser: Kultur ist kein Ausgangspunkt. Sie ist ein Ergebnis. Was Organisationen heute fehlt, ist keine bessere Stimmung, sondern eine klare Entscheidungsarchitektur. Wer trägt Verantwortung? Wer verfügt tatsächlich über Entscheidungsmacht? Wo bündeln sich Themen? Und wo wird operativ kompensiert, was strukturell nie sauber aufgebaut wurde? Solange diese Fragen ungeklärt bleiben, helfen weder Workshops noch neue Werteformeln. Führung ist keine Haltungsübung. Sie ist eine strukturelle Disziplin.
Gewinner.de: Woran scheitern Organisationen derzeit am häufigsten?
Melanie Gypser: Nicht an Talenten, sondern an der Verantwortungslogik. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer glauben, ihr Problem liege bei Menschen – bei fehlender Motivation, Kommunikationsschwierigkeiten oder der falschen Besetzung. Tatsächlich liegt das Problem meist tiefer: Verantwortung und Entscheidungsmacht sind nicht deckungsgleich. Führungskräfte tragen Verantwortung ohne echte Entscheidungshoheit. Unternehmer:innen halten Entscheidungsgewalt, obwohl sie operativ entlasten möchten. Diese strukturelle Unschärfe wird dann als Kulturproblem oder Fachkräftemangel interpretiert. In Wahrheit ist sie ein Architekturproblem.
Gewinner.de: Welche Rolle spielt das Unternehmen selbst in diesem Zusammenhang?
Melanie Gypser: Das Unternehmen ist kein Startpunkt mehr, sondern ein Spiegel. Wenn Teams operativ überlastet sind, ist das selten ein reines Personalthema. Wenn neue Mitarbeitende schwer zu finden sind, liegt das selten allein am Markt. Und wenn das Außenbild nicht greift, liegt das meist auch nicht am Marketing. All das sind Symptome einer ungeklärten Führungsarchitektur. Erst wenn Verantwortung, Entscheidungsräume und strukturelle Klarheit definiert sind, entsteht ein System, das trägt – nicht durch Maßnahmen, sondern durch Konsistenz.
Gewinner.de: Sie sprechen vom „erschöpften Führungsmodell“. Was meinen Sie damit?
Melanie Gypser: Das klassische Modell basiert stark auf individueller Leistungsfähigkeit, Präsenz und persönlicher Kontrolle. In kleinen Strukturen funktioniert das gut. Doch sobald Organisationen wachsen, wird dieses Modell fragil. Entscheidungen sammeln sich bei Einzelpersonen. Führung kostet zunehmend Energie. Konflikte werden personalisiert. Wachstum fühlt sich schwer an. Nicht, weil Menschen ungeeignet sind, sondern weil die Struktur nie bewusst gebaut wurde. Führung muss tragfähig sein – auch dann, wenn einzelne Personen nicht permanent stabilisieren.
Gewinner.de: Viele bieten heute Führungscoaching oder Leadership-Programme an. Was sehen Sie anders?
Melanie Gypser: Der Unterschied liegt nicht darin, ob man an der Person oder an der Struktur arbeitet, sondern darin, dass sich die meisten Programme für eines von beiden entscheiden. Klassisches Coaching arbeitet an Haltung und Selbstreflexion. Klassische Beratung arbeitet an Prozessen und Organigrammen. Beides für sich greift zu kurz. Meine Perspektive ist über Jahre an der Schnittstelle zwischen Geschäftsführung und Organisationsentwicklung entstanden – dort, wo sehr konkret sichtbar wird, wie Entscheidungen getroffen werden, wo Verantwortung tatsächlich liegt und wo Organisationen beginnen, von einzelnen Personen abhängig zu werden. Ich arbeite deshalb an beidem gleichzeitig: an der Führungspersönlichkeit und an der Architektur um sie herum. Das ist weniger spektakulär als ein reines Persönlichkeitsprogramm, aber langfristig wirksamer.
Gewinner.de: Wie arbeiten Sie konkret mit Unternehmer:innen?
Melanie Gypser: Ich repariere keine Menschen. Ich ordne Systeme. Im Zentrum steht die Frage: Trägt das aktuelle Führungssystem das geplante Wachstum? Wir analysieren Entscheidungswege, Verantwortungsstrukturen und die tatsächliche Machtverteilung anhand realer Abläufe. Nicht theoretisch, sondern entlang dessen, was im Alltag tatsächlich passiert. Oft reicht dieser Perspektivwechsel, um sichtbar zu machen, wo Organisationen sich selbst blockieren – nicht durch mangelnden Einsatz, sondern durch strukturelle Unschärfe. Ich sitze dabei nicht gegenüber. Ich sitze an der Seite.
Gewinner.de: Welche Entwicklung erwarten Sie für 2026?
Melanie Gypser: Organisationen werden sich entscheiden müssen, ob sie Führung weiterhin als individuelle Kompetenz oder als System verstehen. Technologie wird Prozesse beschleunigen. Doch sie ersetzt keine Entscheidungsarchitektur. Je komplexer Organisationen werden, desto wichtiger wird strukturelle Klarheit. Unternehmen, die Führung weiterhin personalisieren, bleiben abhängig. Unternehmen, die sie systemisch denken, werden tragfähig.
Gewinner.de: Für wen ist Ihre Arbeit gedacht?
Melanie Gypser: Für Unternehmer:innen und Entscheider:innen, die bereit sind, ihre Organisation strukturell neu zu denken. Nicht für alle. Aber für jene, die spüren, dass Engagement allein nicht mehr ausreicht. Viele Prinzipien, die ich aus der Arbeit mit größeren Organisationen mitbringe, übertrage ich gezielt auf kleinere und mittlere Unternehmen – dort, wo Struktur oft noch nicht bewusst gebaut wurde, aber genauso gebraucht wird.
Weitere Informationen zu Melanie Gypser, ab Juli Melanie Puffer, finden sich unter www.hirevolution.at.
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